Seit Mittwoch stolpern wir überall im Internet, im Fernsehen und sicherlich bald auch auf den Titelseiten diverser Magazine über das Bild des 3-jährigen ertrunkenen Jungen aus Syrien. Da gibt es jene, die dieses Bild teilen und hoffen, dass das Leid eines Einzelnen die Hartherzigkeit der Masse besiegt.
Andere verteufeln die Veröffentlichung des Bildes als von der Sensationspresse initiierter Versuch Geld zu scheffeln.
Wieder andere warten darauf, wie dieses Bild wohl in einigen Wochen oder Monaten im historischen Kontext zu werten ist.
Ich habe am Mittwoch sehr lange darüber nachgedacht. Darf man einen toten Menschen abbilden, darf man ein totes Kind in sozialen Netzwerken posten? Ist es vielleicht trotz der offenbaren Zustimmung (oder Duldung) des Vaters verwerflich?
Das wäre es, wenn es ein gewöhnliches Kind wäre, das gestorben ist und mit dessen Bild man nun Werbung machen will. Doch das ist der kleine Aylan nicht. Aylan steht für die ganze Flüchtlingsproblematik. Sein Bild schreckt auf und darum sollte es auch verbreitet werden, denn dieses Foto könnte etwas ändern. Es gibt Beispiele für solche Fotos, die die Welt verändert haben.
Schauen wir uns nur die vielen Fotos an, die nach dem Krieg von deutschen Konzentrationslagern veröffentlicht wurden. Musste man diese Menschen quälen und dann noch ihre toten Körper, zu einem Haufen aufgetürmt, zur Schau stellen? Die Bilder stehen nun schon lange über solchen Kritiken, denn sie haben unser Leben und unsere Eindrücke vom Holocaust bleibend verändert. Noch heute sind sie z.B. auf http://www.yadvashem.org/, einer Seite über den Holocaust zu finden.
Und da ist jenes Bild des nackten Mädchens Kim Phuc, das 1972 auf einer Straße nach Trang Bang lief. Der Rücken des Mädchens war von Bomben verbrannt und alle gingen davon aus, dass sie sterben würde. Kim Phuc überlebte und das Bild, das die Grausamkeit des Vietnam Krieges auf dieses eine Kind projizierte, wurde das Weltpressefotos des Jahres und erhielt den journalistischen Oscar, den Pulitzer Preis. Kim Phuc setzte sich, nicht zuletzt durch die Bekanntheit, die ihr dieses Bild einbrachte, für den Frieden ein. Am 10. November 1994 wurde sie zur ehrenamtlichen UNESCO-Botschafterin des guten Willens (Goodwill Ambassador) berufen. Am 22. Oktober 2004 erhielt sie die Ehrendoktorwürde in Rechtswissenschaften von der York University in Toronto für ihren weltweiten Einsatz für die Kinder unter den Kriegsopfern.
Doch auch ohne Kim Phucs späteren Einsatz war es 1972 das Foto, dass für viele die Einstellung zum Vietnamkrieg nachhaltig änderte.
Wird auch das Bild des toten Aylan etwas verändern? Vielleicht wird es 2015 das Pressefoto des Jahres. Auf jeden Fall ist es das Foto, das stellvertretend für all die Toten steht, die ihr Leben auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung lassen mussten. Was man daraus lernen kann, bleibt jedem selbst überlassen.
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